DER ETWAS ANDERE LEBENSLAUF VON KIM

Wenn du Deine Augen öffnest… Wirst Du die Blumen sehen, die in der Dürre erblühen?

👋🏽 Hi. Ich bin Kim.

Es gibt Schwächen, die in der Messung der Berufswelt nicht zulänglich sind. Diese Webseite ist mein Raum, um die Schwächen in meinem Lebenslauf festzuhalten und zur Schau zu stellen. Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass es okay ist, Schwächen zu haben und dass es darüber hinaus Blumen gibt, die in Schwierigkeiten erblühen.

Wenn man Schwächen hat, wird die Welt einem nicht sagen, dass man stark ist. Manchmal würden die Leute nicht einmal nett sein, geschweige denn höflich. Also sage ich mir selbst, dass ich stark bin – und zwar nicht für meine Noten, Praktika oder dergleichen, sondern für die Schwächen, die ich überwunden habe.

Leute, die mich persönlich kennen, würden wahrscheinlich zustimmen, dass ich nicht so gerne im Rampenlicht stehe. Ich bitte um Nachsicht: Es macht mir bestimmt keinen Spaß, nicht nur über das Ungesagte sondern auch noch das Unaussprechbare zu sprechen.

 

Das Beste, was wir tun konnten

Aufwachsen

Meine Mutter schrieb diesen Brief 2003, um die Scheidung einzureichen. Wir vier Kinder wuchsen dann bei meinem Vater auf. Während mein Vater die doppelte Arbeit leistete, zu seinen Arbeitsschichten ging und zurückkam, um sich um uns Kinder zu kümmern, wurden wir weniger mit Lob als mit missbilligenden Blicken auf unser mutterloses Zuhause entgegnet und waren dem behutsamen Verdacht des Jugendamtes ausgesetzt. Während ich dieses System für vernünftig halte, bricht es mir zurückblickend doch ein wenig das Herz.

Weißt du, von der Mutter verlassen zu werden, ist nicht einfach. Während sich mein Vater in Flammen setzte, um uns Kindern Licht zu geben, hallt seine jähzornige Stimme immer noch nach. Ich wurde mehr als einmal als “Arschloch” bezeichnet. Aber erst vor kurzem wurde mir klar, was mir am meisten zusetzte. In seiner Wut von Tag zu Tag, solange ich mich erinnern kann, würde mein Vater mich (und nie meine Geschwister) irgendwie immer mit meiner Mutter vergleichen.

Nun, es ist auch nicht einfach, gesagt zu bekommen, wie meine Mutter zu sein – eine Person, die für meinen Vater gestorben ist, eine Person, die er zutiefst hasst, eine Person, unter der ich selbst tief gelitten habe. Es ist verrückt daran zu denken, wie lange ich gelebt habe, ohne zu wissen, wie nicht-okay das ist und mich erst zu verteidigen, als ich fast 25 Jahre alt bin.

"Ängstlich vor meinem Vater, sehnend nach Sicherheit und Trost. Ich hatte keine Ahnung, dass der Terror, den ich empfand, nur der lange Schatten seines eigenen war." - Thi Bui

Auf dem Bild ist mein Vater, etwa 18, als er 1979 in einem malaysischen Flüchtlingslager registriert wurde, sowie meine Mutter im Alter von 15 Jahren, kurz bevor sie sich auf den 500 Kilometer langen Seeweg begab.

Kannst Du Dir die Kriege vorstellen, die Vietnam auseinandergerissen haben? Kannst Du das Gewicht der anschließenden kommunistischen Unterdrückung spüren? Weißt Du, wie viele Boatpeople auf See gestorben sind? Hast Du von den Piraten gehört – sie sind echt. Wie ist es, ein entwurzeltes Leben aus dem Nichts zu beginnen?

Ich meine, wie kaputt ist es, dass ein Vater seine Tochter überhaupt beleidigt (, geschweige denn jemand anderen). Mit der Mutter als Kraftausdruck. Und wenn mein Vater mich im Namen meiner Mutter beleidigt, kann ich nicht anders, als das Gefühl zu haben, dass es auch ungerecht ist, sie als die verletzendste Beleidigung und schlimmste Person zu gebrauchen, die ihm einfällt.
 
Was ich versuche zu sagen ist, dass es okay ist, wenn mein Vater diese Schwäche hat. Ich würde keinen Groll gegen ihn hegen und ich bin schließlich diejenige, die urteilen darf oder. Mehr als das, kann ich endlich all seine unfassbaren Stärken sehen, die ich zuvor nicht gesehen habe. Kannst Du das auch?
 
Wissend, dass seine Narben auch auf mich einen Schatten geworfen haben – durch alles hinweg liebe ich meinen Vater und bin dankbar für seine wunderbare Liebe sowie dafür, dass er die größten aller Kräfte trägt. Vielleicht könnte ich eines Tages das Gleiche über meine Mutter sagen.

Wie es ist, ein Migrant der unteren Arbeitsklasse zu sein

Vanessa Vu: “Meine Eltern hatten auf ihre Weise am Deutschsein gearbeitet. Sie säuberten den Schlachthof, frittierten Schmalzgebäck, sortierten am Fließband Gurken, zwickten Seitentriebe von Nelken und Ringelblumen ab, putzten, kochten und brachten den Leuten Essen. Als meine Mutter zum dritten Mal schwanger wurde, arbeitete sie so lange, bis es nicht mehr ging. Sie stand hochschwanger auf Leitern und wischte Fenster. “Sonst denken sie, dass Ausländer faul sind”, sagte sie. Abends schrubbte sie uns Kinder mit dem Waschlappen wund. “Sonst denken sie, dass Ausländer schmutzig sind”, sagte sie. Aus der Bücherei holte sie uns nur dicke, bilderlose Bücher. “Sonst denken sie, dass Ausländer dumm sind.””

Hast nur Du Anspruch auf ein besseres Leben in Europa, weil Du hier geboren wurdest oder bist Du in irgendeiner Weise besser?


Wann wirst Du aufhören, Ausländer, die den deutschen Pass besitzen und seit mehr als 30 Jahren hier leben, als Ausländer zu bezeichnen?


Wenn Du Deutschland wegen Verfolgung verlassen müsstest, würdest Du Jobs wie Putzen oder Erdbeerpflücken nehmen oder würdest Du einfach verkünden, Deutsch zu sein?​


Eine letzte Geschichte zu guter letzt

👩‍⚖️✒️

Es musste während meiner letzten drei Prüfungen überhaupt passieren.

Für meinen Master-Abschluss muss ich 6 kleine Rechtskurse belegen. Wir dürfen für die Klausur Gesetzestexte mitbringen. Was bei meiner 6. Rechtsprüfung geschah, war, dass mein Rechtsbuch unter allen Studierenden (zusammen mit dem eines anderen Studenten) von der ersten Aufsichtsperson rausgenommen wurde und die höhere Aufsichtsperson dann meine Anmerkungen als unangemessen und als Täuschungsversuch beurteilte. Als Ergebnis habe ich die Prüfung nicht bestanden, werde sie aber wieder ablegen könnnen (, was mein Studium weiter verlängern wird).

Um ehrlich zu sein, wollte ich nicht schummeln, aber ich gebe zu, dass mein Buch aus Zeitdruck pures Chaos war und dass ich die neuen Richtlinien darüber, welche Anmerkungen in Ordnung sind und welche nicht, nicht durchgegangen bin. Ich möchte gesagt haben, dass es damit auch wirklich in Ordnung gewesen wäre und ich es dabei sein gelassen hätte, wenn es nur das gewesen wäre.

Verwirrt durch die Aufsichtsperson, die mein Rechtsbuch genaustens inspizierte, beteuerte ich, dass es meine letzte Prüfung (in Recht) sei und meine Annotierart bereits 5 Mal zuvor kontrolliert wurde und immer als zulässig galt. Nachdem ich “letzte Prüfung” gesagt habe, ging es bei der Aufsichtsperson plötzlich nur noch um Härtefall. Ich hatte keine Ahnung, wovon die Aufsichtsperson sprach, ich war unter Schlaf- und Essentzug der letzten 24 Stunden und ohne große Diskussion akzeptierte ich einfach, durch die Prüfung zu fallen.

🤷🏻‍♀️

Als ich im Nachhinein darüber nachdachte, verweilte ein merkwürdiges Gefühl. Warum sprach die Aufsichtsperson immer wieder von “Härtefall”? Ich hatte eine grobe Vorstellung davon, was das ist, aber was hatte es mit mir zu tun? Ich habe es dann nachgeschaut und an meiner Uni, wenn man eine Prüfung mehr als dreimal nicht bestanden hat, kann man einen weiteren Versuch für besondere persönliche Härte beantragen. Ich bin nie durch eine Prüfung gefallen, meine schlechteste Note an der Uni war eigentlich eine einmalige 3. So kam es mir langsam in den Sinn, dass die Aufsichtsperson nach meiner ausländischen Erscheinung geurteilt haben könnte. Hätten die Gesetzesannotationen eines Nicht-PoC etwas “Spanisches” an sich gehabt und wären diese direkt als Härtefall missverstanden worden, nur weil sie “letzte Prüfung” in klaren deutschen Worten gesagt haben wie ich es wurde?

Es war da, als mich diese große Erkenntnis am Höhepunkt einer Reihe vorangehender Erfahrungen traf. Ich habe hart studiert und überdurchschnittliche Noten erzielt, während ich mich ehrenamtlich betätige, extracurriculare Kurse nahm, jünger als Mitstudierende bin und so weiter und so fort. Darüber hinaus stand ich vor Hürden, die mit einem nicht-akademischen Hintergrund plus Migrationsbiografie verbunden sind. Als andere Nachhilfe nahmen, verdienten wir Taschengeld, indem wir Nachhilfe gaben. Während andere bei Krankheit umsorgt wurden, mussten wir die Entschuldigungsbriefe für die Schule selbst schreiben (weil das Deutsch unseres Vaters nicht soo gut ist). In diesem Zusammenhang kam mir der Satz in Erinnerung, den ich einmal über systematische Diskriminierung gelesen hatte – dass man doppelt so hart arbeiten muss, um halb so weit zu kommen. Und tatsächlich würde ich hier doppelt so hart arbeiten und die halbe Anerkennung dafür erhalten.

😔

Das Fatale ist, dass ich irgendwo auf dem Weg, wie der stete Tropfen den Stein aushöhlt, nicht nur damit gekämpft hab, meine Erfolge zu internalisieren, sondern an Stelle dessen die Zweifel anderer Menschen verinnerlicht habe. Am Tag der Prüfung, als ich nach 24 Stunden lernen ohne wirklich Essen und Schlaf wieder zur Arbeit ging, stand ich kurz vor dem Zusammenbruch – ich registrierte, dass es daran liegt, dass ich nicht mehr das Gefühl harter Arbeit aufbringe, es sei denn, mein Körper leidet dabei. Eigentlich, als die Aufsichtsperson mich rausfischte, fühlte ich mich ein wenig erleichtert: Ich wusste, dass ich ein Hochstapler bin, endlich wurde ich erwischt! Eine schwäbelnde Asiatin, eine asiatisch aussehende Deutsche, aus einem nicht-akademischen Hintergrund an einer Eliteuniversität, eine Marketing-Absolventin in einem technischen Master – ich selbst bin es, die tiefstsitzende Zweifel hat, nicht zu verdienen, wo ich stehe und fehl am Platz zu sein.

Ich habe immer gedacht, dass, wenn ich jemandem erklären muss, was ich als schlimm empfinde, es gar nicht so schlimm sein kann. Nun, wenn man in der Minderheit ist, hat man viel damit zu kämpfen, nicht zu wissen, ob man Recht hat oder nicht, und es kann schwerfallen, zu erkennen, wenn man schlecht behandelt wird.

📩

So schrieb ich eine E-Mail an die Aufsichtsperson, nicht um meine Zustimmung zum Durchfallen zu bestreiten, sondern um zu sensibilisieren, was es bedeutet, wenn sie jemanden wie mich mit einem Härtefall assoziiert, Dinge sagt wie “Ich hatte Glück, dass ich nicht früher erwischt wurde” und gleichzeitig “Warum kann ich nicht einfach so annotieren, wie es jeder andere im Raum auch schafft”. So wie ich die Möglichkeit nicht ausschließen könnte, durch Unsorgfalt nicht ordnungsgemäße Annoationen gemacht zu haben, könnte die Aufsichtsperson mit 100% Sicherheit sagen, dass sie frei von Diskriminierung ist, selbst durch unsorgsame Gedanken?

Die Aufsichtsperson war insofern sehr nett, dass sie meine lange Mail überhaupt gelesen hat und zusätzlich angeboten hat, am nächsten Tag in Person zu sprechen. Sie erklärte mir ihr Argument, den “Härtefall” aufzubringen und ich bin mir nicht sicher, was ich denken soll. Nun, seltsam genug, aber ich wäre damit einverstanden gewesen… Wenn nicht etwas  Zusätzliches passiert wäre.

🍚

Die Aufsichsperson war ganz bemüht, nett zu sein und wollte mich ermutigen, stärker und selbstbewusster zu sein. Wir sprachen über Beispiele, sie fragte mich, warum ich mich unbehaglich fühlen würde, wenn ich in Deutschland gefragt werde, wie man Reis kocht, wenn sie sich nicht angegriffen fühlen würde, wenn sie nach Vietnam geht und jemand sie bittet, Sauerbraten zu machen. Sie fragte mich, warum mein Onkel sich durch argwöhnische Blicke verletzt fühlen würde, wenn er Sandalen in ein Restaurant trägt (, weshalb er geschlossene Schuhe bei 35°C trug, als wir im Sommer Abendessen gingen), weil ihr Freund auch seltsame Blicke bekommen würde, wenn er in seinem Alter Flipflops trägt, aber es würde ihn nicht kümmern.

Ich wusste nicht, wie ich denken oder antworten sollte. Aber als ich reflektiert habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass etwas an der ganzen Sache nicht richtig ist. Es ist wie wenn ein Mann die Brüste einer Frau anfassen würde und als ob das nicht schon furchtbar genug wäre, würde er, da es ihm nie passiert ist, dass jemand seine Brüste anfassen würde und er es als belästigend empfinden würde, der Frau absprechen, dass sie sich so fühlen kann. Und zusätzlich versuchen, die Frau zu erheben, darüber zu stehen und taffer zu sein. Ich möchte hier nicht respektlos von ernsthafter Belästigung sprechen. Bei rassistischer Diskriminierung gibt es ein Spektrum, und ich würde diese ernsten Begriffe nicht einfach so verwenden. In Summe denke ich, dass es in diesem Fall nicht ihre (eine weiße Frau mit hellen Augen und blonden Haaren) Entscheidung ist, mir abzusprechen, ob ich mich diskriminiert fühlen kann oder nicht, nur weil es ihr noch nie vorgefallen ist. Ich weiß, dass sie es nicht böse gemeint hat, aber für mich ist Ignoranz auch verheerend.

💪🏽💯

Zum Schluss bin ich eigentlich froh, dass der Vorfall passiert ist – ich habe mehr fürs Leben gelernt als bei der eigentlichen Prüfung. Hoffentlich werde ich mein Studium im März endlich abschließen und dann weiß ich, dass ich wirklich stark bin, weil ich es geschafft habe und dass ich den Abschluss nach allem verdiene. Es war kein Glück, dass ich nicht früher erwischt wurde.

Wenn ich weiter gekommen bin, dann deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.

Diese Website ist das Ergebnis meiner letzten 20 Stunden vor dem Laptop, einem persönlichen Hackathon, wie sich herausgestellt hat. Juchuuu, meine erste eigene Website!! Bitte entschuldige alle Fehler, ich werde später noch einmal reinschauen. In Liebe, Kim

Anmerkung zur deutschen Seite: Dies ist eine Übersetzung des englischen Orignals, mit großer Hilfe von deepl.com.